Eine kleine Geschichte über papierene und menschliche Zeitfresser.

 

Es ist Donnerstag 13.15 Uhr, die Tür zum Büro der Einkaufsabteilung fliegt auf. Peter Schönmüller, der Vertriebsleiter platzt wieder einmal ohne anzuklopfen herein.

„Du, Bernd – am Montag fahr ich doch zur CeBit, und gerade hab ich gesehen, dass ich nur noch 12 Visitenkarten habe. Das reicht wohl kaum, so wenig Besucher sind es dann ja doch nicht, hahaha! Ich wollte schon letzte Woche kommen, aber da war ich dauernd unterwegs. Könntest Du nicht so gut sein, mir bis morgen 200 neue zu besorgen? Und, äh, das hier gehört dann noch geändert.“ Schönmüller kritzelt hastig seine neue Telefondurchwahl auf sein zwölftletztes Visitenkärtchen und legt es auf den Schreibtisch. „Super, sehr nett von Dir, danke, tschü-hüss…“

„Neue Visitenkarten, bis morgen? So schnell geht das n…“ will Bernd Schützengruber, der Einkaufsleiter, dem Vertriebschef nachrufen, doch der ist längst wieder weg.

„Unverschämtheit, als ob ich nichts Besseres zu tun hätte“, brummt Bernd in sich hinein und denkt an die neuen Leasingverträge für die Firmenflotte, die er eigentlich längst schon unter Dach und Fach bringen wollte. Da geht’s um ein paar hunderttausend Euro im Jahr, und bei diesen doofen Kärtchen? Lächerlich.

Aber es hilft ja nichts, wenn der Schönmüller ohne Visitenkarten auf die Messe muss, gibt das richtig Ärger. Bernds Assistentin ist gerade im Skiurlaub, der zweite Einkäufer außer Haus. Also ran an den PC, alte Karte eingescannt, ein Mail an die Druckerei geschrieben, 200 Stück bestellt, express bitteschön, und sicherheitshalber noch einen Korrekturabzug, ok? Nach 10 Minuten kann sich Bernd endlich der Firmenflotte widmen.

13.30 Uhr: Bernds Telefon klingelt, Frau Haferkamp von der Druckerei ist dran.
„Schön, dass Sie wieder etwas bei uns bestellt haben, vielen herzlichen Dank – ich hoffe es geht Ihnen gut? … Ja, mir auch. bei diesem Wetter kann man ja nur guter Laune sein, nicht wahr?“
„Ja, ja, natürlich. Geht es um die Visitenkarten?“ Bernd blickt auf die Uhr.
„Ja genau, die Visitenkarten, wie gesagt, vielen Dank für Ihre Bestellung. Aber nur zur Sicherheit – soll das jetzt 254 oder 294 als neue Durchwahl heißen? Ich glaube schon 254, aber die Handschrift kann man so schwer lesen…“
„Hm.“ Da muss Bernd selbst schnell im Intranet nachsehen. „254.“
„Danke, und wenn ich Sie gerade dran habe, Herr Schützengruber: Sie wissen schon, dass die ausgemachten Preise nur für eine Bestellung von 10 Sorten auf einmal gelten?“
Ja, das weiß Bernd natürlich – sollen die verdammten Karten halt ein wenig mehr kosten kosten diesmal.
„Ja, klar, Hauptsache, wir haben die Visitenkarten morgen im Haus.“
Kurze Stille in der Druckerei. „Bis morgen, bei Ihnen Haus? Das muss ich erst mal klären, warten Sie bitte kurz.“ … „Hallo, Herr Schützengruber, danke fürs Warten. Aber bevor ich Ihnen da etwas Falsches sage … Also: Das geht schon, aber würde dann nochmals 95 Euro extra kosten für Expresszuschlag und Kurierdienst.“

Extra? Jetzt will es Bernd Schützengruber aber doch genauer wissen „95 Euro nur für Lieferung und Expresszuschlag? Und was macht das dann insgesamt?“ Wieder ist es still am anderen Ende. „Moment, Moment, das wären dann, äh .. 292 Euro, alles zusammen. Plus Mehrwertsteuer natürlich, aber das ist ja selbstverständlich.“ – „Äh, aber … mehr als ein Euro pro Karte!? Kann das wirklich stimmen? Letztes Mal habe ich 430 Euro für zehn Sorten bezahlt!“

„Tja …“ Geduldig erklärt ihm Frau Haferkamp, wie das so läuft in einer ordentlichen Druckerei: Setzen, Korrekturabzug hin und her mailen, Druckplatten belichten, Maschine umfärben, Papier vorschneiden, Platten einspannen, Maschine einrichten, Bogen drucken, Karten schneiden, verpacken .. usw. Das ist eben auch für eine einzelne Sorte kaum günstiger als für zehn.

„Aha“, murmelt Bernd und muss zugeben, dass das alles schon ziemlich plausibel klingt. Wäre vielleicht gut gewesen, solche Fälle gleich in den Rahmenvertrag hineinzunehmen. Kurz denkt Bernd daran, im Haus herumzufragen, ob vielleicht nicht noch sonst jemand neue Visitenkarten braucht, wo doch die Grenzkosten so klein sind. Oder vielleicht er selbst?

„Herr Schützengruber, sind Sie noch dran?“, meldet sich Frau Haferkamp wieder. „Wenn wir wirklich morgen liefern sollen, müssen wir jetzt loslegen.“ – „Ja, klar – also dann, machen Sie das meinetwegen so, auf Wiederhören.“ Irgendwie wird er die Rechnung schon erklären können.

13.45 Uhr. Nun aber zu den Leasingverträgen.

14.12 Uhr – Ein Blick in die Mailbox: Frau Haferkamp hat das PDF mit dem Korrekturabzug gemailt – leider ist es aber die einsprachige Visitenkarte. Er wollte doch die englische Version auf der Rückseite, ist doch selbstverständlich, das hätten sich die dort doch wohl denken können. Kurzes E-Mail retour.

14.35 Uhr – die zweite Freigabemail. „Sorry, konnte ich nicht wissen“, schreibt Frau Haferkamp. „Passt es nun so? Und übrigens, doppelseitig kostet es dann …“ Bernd will es gar nicht mehr wissen. „IN ORDNUNG. DRUCKEN.“ mailt er retour.

14.38: Uhr – nochmals Frau Haferkamp: „Nochmals einen wunderschönen guten Tag. Entschuldigung, dass ich Sie störe, aber ich dachte, wir machen das einfach schnell am Telefon aus, das ist doch etwas persönlicher. Wissen Sie, der persönliche Kundenkontakt ist uns ein großes …“
„Was wollten Sie denn noch wissen, Frau Haferkamp“?“
„Ach ja, an wen sollen wir denn die Karten senden, direkt an Herrn Schönmüller privat, das haben wir nämlich auch schon mal gemacht, oder an Sie?“ – „Hierher in die Firma, zum Empfang. Wir schicken Ihnen dann eh noch unsere Bestellung aus unserem SAP, da steht alles ganz genau drinnen“, sagt Bernd und bemüht sich, freundlich zu bleiben. Klar, woher sollte Frau Haferkamp es denn wissen.

Richtig, die Bestellung! Schnell ins System einsteigen, Daten reinfüttern – wie hoch war jetzt nochmals Preis für diese paar Visitenkarten ? – und per Mail versenden lassen. Dauert keine 5 Minuten, das Ganze. Ok, vielleicht ein klein wenig länger, wenn man alles wirklich genau ausfüllt und überprüft.  Dafür geht es dann beim Kontrollieren der Eingangsrechnung umso schneller – jedenfalls dann, wenn der Lieferant auch wirklich die Bestellnummer korrekt in seine Rechnung übernimmt. „Erstaunlich“, grübelt Bernd, während er die Daten eingibt,  „was da immer wieder fehlt oder schief geht –  diese paar Zahlen abzutippen sollte doch wirklich kein Problem sein.“

14.45: Geschafft. Eigentlich wollte Bernd ja noch kurz etwas essen, aber die Leasingverträge warten eben auch nicht. Wenigstens ist jetzt endlich Ruhe mit den Visitenkarten.

Freitag, 11.20 Uhr: Da ist er wieder, der Herr Schönmüller, diesmal wenigstens nur am Telefon.
„Hi Bernd, klappt das alles mit den Visitenkarten? Weißt Du, ich habe noch nichts bekommen.“
„Sollte schon klappen, aber wo genau die sind, kann ich Dir nicht sagen.“ Bernd bleibt ganz ruhig – auf seine Haus- und Hofdruckerei kann er sich schließlich verlassen.
„Dann frag doch bitte mal nach, das ist wirklich wichtig!“
Bernd holt tief Luft, legt auf und hebt gleich wieder ab, um Frau Haferkamp anzurufen.
„Schön, dass Sie anrufen, Herr Schützengruber. Heute ist es leider nicht mehr so schön wie …. Entschuldigung, Sie sind ja sicher in Eile. Ja, die Karten sind gestern noch raus und sind, lassen Sie mich kurz nachsehen …, ja die sind für heute in der Zustellung, soweit ich das im Kopf habe, unser Fahrer bringt sie demnächst vorbei – ist ja nicht so weit … ja, danke, gern geschehen – und schönes Wochenende und bis zum nächsten Mal.“

11.23 Uhr – Bernd Schützengruber mailt an Peter Schönmüller: „Karten kommen heute noch, werden an Empfang geliefert, mfg, Bernd.“

11.25 Uhr – Peter Schönmüller mailt zurück: „Was heißt heute, die Druckerei ist doch gleich ums Eck, wieso dauert das denn so lange? Ich sollte um 14 Uhr weg.“

11.50 Uhr – Das Telefon klingelt. „Nein, nicht der schon wieder!“ denkt sich Bernd beim Abheben. „Also Bernd, Peter hier, su-hu-per, wie Du das hingekriegt hast, die Karten sind gerade gekommen – Spitzenservice, und gut, wenn man so tolle Lieferanten in der Nähe hat, vielen, vielen Dank!“ – „Schon gut, keine Ursache, war eh kaum ein Aufwand.“

11.55 Uhr – Kevin Meyer, der Junior-Vertriebler steht in der Tür: „Herr Schützengruber, ich habe gerade die neuen Visitenkarten von meinem Chef gesehen. Ich muss doch nächste Woche auch auf die Messe, und da hab ich mal in der Lade nachgesehen … “ – „Raus“, sagt Bernd tonlos. „Einfach nur raus.“

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